Losing Oneself – Voices from the Deep Sea

Interaktive, netzbasierte Installation und Online-Game

In diesem spekulativen und imaginären Szenario haben Tiefseeorganismen die Fähigkeit entwickelt, auf Modelle künstlicher Intelligenz zuzugreifen. Indem sie dieses externe Wissen mit ihren eigenen Formen der Intelligenz kombinieren, beobachten und interpretieren sie die Menschheit aus der Ferne. Sie teilen ihre Perspektiven durch audiovisuelle Gespräche und erzählen Geschichten über menschliches Verhalten, Widersprüche und Schwächen. Besucher sind eingeladen, Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten, und so in einen Dialog zu treten, der die Grenzen zwischen Beobachter und Beobachtetem, Menschlichem und Nicht-Menschlichem, Oberfläche und Tiefe verschwimmen lässt.

Als Ergänzung zur Installation erweitert das spielbare Online-Game (play.joz.ch) die Erfahrung: Man driftet durch Zonen der Tiefe, begegnet synthetischen Schwärmen und verliert sich allmählich – dies bildet die zentrale Spielmechanik.

Hintergund
Die Tiefsee ist nach wie vor eine der unbekanntesten Umgebungen auf unserem Planeten, von der bislang weniger als fünf Prozent erforscht sind. Für den Menschen existiert sie grösstenteils als digitales Medienkonstrukt: eine digitale Zusammenstellung aus Daten, die von Ozeanographen und Meeresbiologen mithilfe technischer Hilfsmittel wie Sonarbildern, 3D-Modellen, Kartografien, Tonaufnahmen, Simulationen und wissenschaftlichen Publikationen gesammelt wurden. Unsere Beziehung zur Tiefsee ist daher indirekt, fragmentiert und stark von technologischer Abstraktion geprägt.

Losing Oneself entwirft ein Szenario, in dem Tiefseewesen eine Geschichte über die Menschheit selbst erzählen und ihr kollektives Wissen durch eine soundbasierte Installation weitergeben. Die Besucher sind eingeladen, diese gemeinsame Weisheit in einer relationalen Umgebung zu spüren, mit ihr zu interagieren und sie zu erleben, in der ein synthetischer Schwarm durch generative Animationen und räumlich angeordnete Lautsprecher kommuniziert. Menschliche Stimmen werden in Echtzeit aufgezeichnet, analysiert und von einem Algorithmus verarbeitet, der dynamisch mündliche und akustische Antworten auf der Grundlage von Parametern wie Wortwahl, Sprachmuster, Lautstärke, Rhythmus und emotionaler Betonung generiert.

Für diese Ausstellung wurde ein massgeschneidertes KI-Modell innerhalb eines interdisziplinären Forschungsrahmens – einschliesslich Meereswissenschaften, Geografie, Blue Humanities und Meeressoziologie – trainiert, um diese Gespräche aus der spekulativen Perspektive von Tiefseewesen zu führen. Anstatt als kanonisches anthropozentrisches Werkzeug eingesetzt zu werden, positioniert die Arbeit KI als relationalen Akteur, der Rahmenbedingungen fordert, die auf Gegenseitigkeit, Fürsorge und Interdependenz achten. Aus dieser Perspektive rückt die Erzählung Verantwortung und Relationalität in den Mittelpunkt der zeitgenössischen technologischen Abstraktion, insbesondere in Bezug auf grosse Sprachmodelle und algorithmische Systeme.

In diesem Sinne schafft Losing Oneself eine kritische Schnittstelle zwischen Umwelt-Epistemologien und technowissenschaftlichen Entwicklungen und positioniert künstliche Intelligenz nicht nur als Werkzeug, sondern als potenziellen Teilnehmer an alternativen Formen der Wissensproduktion, Erinnerung und Bewahrung. Das Projekt reiht sich in ein wachsendes Forschungsfeld ein, das Wissenschafts- und Technikstudien mit künstlerischen Praktiken verbindet, die auf ökologische Reparatur, Technodiversität und die Überwindung anthropozentrischer Paradigmen ausgerichtet sind. Es lädt uns ein, uns Technologien vorzustellen, die weder extraktivistisch noch anthropozentrisch sind, sondern situativ, empathisch und relational – und damit im Einklang mit aktuellen Debatten in den Umweltwissenschaften, der politischen Ökologie und der Mediensemiotik stehen.

Durch die Integration künstlicher Intelligenz in Praktiken empathischer Beziehungen bietet die Arbeit eine Alternative zu den vorherrschenden Narrativen von Automatisierung und Effizienz und schlägt neue Wege vor, um ethische, integrative und respektvolle Beziehungen zwischen Mensch, Technologie und dem Übermenschlichen zu konzipieren.

Im Rahmen dieses Projekts regt der Einsatz künstlicher Intelligenz nicht nur zum Nachdenken über ihre industriellen oder funktionalen Anwendungen an, sondern auch über die Werte und Annahmen, die in den entsprechenden Systemen verankert sind. Das Aufkommen der KI ist von tiefgreifenden Spannungen geprägt: Einerseits wird sie als transformative Kraft mit potenziellen Vorteilen in Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Bio-Umweltüberwachung für geschützte Naturgebiete dargestellt. Andererseits wirft ihre ökologische Belastung, die mit energieintensiven Rechenzentren, Rohstoffabbau und Infrastrukturen von planetarem Ausmass verbunden ist, dringende ethische und ökologische Fragen auf.

Diese Spannungen werden durch die zunehmende Dynamik von Initiativen zum Tiefseebergbau besonders deutlich. Da der Meeresboden als neue Grenze für die Gewinnung seltener Mineralien, die für digitale Technologien unerlässlich sind, zunehmend in den Fokus rückt, wird die Tiefsee erneut in eine extraktivistische Logik eingebunden. Dies stellt eine erhebliche Bedrohung für dieses wertvolle und weitgehend unerforschte Ökosystem dar, dessen Integrität für die biologische Vielfalt und das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten von entscheidender Bedeutung ist. Das Projekt lädt dazu ein, neu zu überdenken, wie Intelligenz – sowohl künstliche als auch biologische – mit Systemen der Ausbeutung, Abstraktion und Macht verflochten ist, indem es spekulative Stimmen aus der Tiefsee mittels KI verstärkt. Künstliche Intelligenz, verstanden als soziotechnisches Artefakt, spiegelt unweigerlich die Vorurteile, Grenzen und Ideologien der Systeme wider, die sie hervorbringen. Genau aus diesem Grund wird sie auch zu einem fruchtbaren Terrain für die Subversion hegemonialer Narrative und für die Vorstellung alternativer technologischer Zukünfte, die mit dem Übermenschlichen koexistieren.

Losing Oneself eröffnen einen Raum, um das Zusammenleben zwischen Arten, Systemen und Zeitlichkeiten neu zu überdenken und Formen der technologischen Vermittlung zu entwerfen, die eher auf ökologische Integrität als auf extraktive Dominanz ausgerichtet sind.

Wir laden dich ein, mit uns zu tauchen. Play the game: play.joz.ch.

Text: Malena Souto Arena