Mobile App als Interface für netzbasierte Installationen
Zur Eindämmung der bedrohlichen Prognosen des Artensterbens und der globalen Erwärmung setzen Wissenschaftler und Landwirte vermehrt auf Technologiegen wie Gentechnik, synthetische Biologie und maschinelles Lernen. Speculative Evolution stellt sich ein spekulatives Ökosystem in 30 Jahren vor, in der künstliche Intelligenz und Biotechnologie zusammenarbeiten, um Arten zu kreieren und zu optimieren, die der zunehmend feindlichen Umwelt standhalten können. Durch die Perspektive eines KI-Simulators wird das Publikum eingeladen, neue Pflanzen-, Pilz-, Tier- und Robotervariationen zu kreieren, mit diesen mutierten Arten zu fliegen und das sich verändernde Ökosystem zu beobachten. Speculative Evolution reagiert auf den Trend zu technologiebasierten Lösungen, indem es Erzählungen über ein unberechenbares System unter extremer Kontrolle konstruiert – was optimieren wir und was ignorieren wir dabei? Das Projekt zielt darauf ab, unsere Tendenz zu untersuchen, komplexe Ökosysteme zu vereinfachen, indem wir die Natur als ein System behandeln, das repariert werden kann.
Prototyp 1: Adaptation (2024)
In der ersten Phase dieser spekulativen Simulation lag der Fokus auf der technologischen Anpassung bestehender Lebensformen. Die Nutzenden entscheiden, welche spezifischen Arten – ob Biene, Schnecke oder Reis – eine evolutionäre Optimierung benötigen, um das Ökosystem zu balancieren. Die KI generiert daraufhin neue, widerstandsfähige Variationen dieser Spezies. In der Mobile App wird dieser Prozess unter anderem durch einen Stammbaum visualisiert, der die Entwicklung von der ursprünglichen, natürlichen Form hin zur technologisch modifizierten Variante dokumentiert.
Prototyp 2: Synthesis & Chimeras (2026)
Prototyp 2 hebt die biologischen Grenzen vollständig auf: Hier erschaffen die Nutzenden komplexe Chimären durch die radikale Synthese von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Robotern. In dieser neuen Phase fungiert die KI nicht mehr nur als Züchterin, sondern als Architektin transbiologischer Lebensformen.
Das Publikum ist eingeladen, DNA-Fragmente und mechanische Komponenten frei zu kombinieren. Diese neuen Hybridwesen sind keine isolierten Mutationen mehr – sie sind rekursive Kreationen, die immer wieder neu vermischt werden können. Dieser endlose Prozess der Neukonstruktion wird in einem erweiterten Stammbaum dargestellt, der die tiefgreifende, transbiologische Geschichte jeder Chimäre sichtbar macht.
Jede Chimäre erhält zudem eine kurze wissenschaftliche Funktionsbeschreibung, die ihre spezifische Rolle und Nische im Ökosystem definiert. Die Nutzenden sehen in Echtzeit, welche Aufgaben ihre Schöpfungen übernehmen – von der Filterung von Giftstoffen bis zur technologischen Bestäubung. Damit stellen wir die zentrale Frage: Wenn wir die Natur komplett nach unseren Vorstellungen neu bauen können, was für eine Welt erschaffen wir dann?
Beschreibung
Dieses Experiment ist eine spekulative Simulation eines zukünftigen Ökosystems. Die Erzählung spielt in einer spekulativen Landschaft in 30 Jahren, in der künstliche Intelligenz und synthetische Biologie zusammenarbeiten, um eine optimierte Umgebung für gezüchtete Arten zu schaffen. Ein von künstlicher Intelligenz angetriebener Simulator kreiert hybride Arten, um ein empfindliches Ökosystem in diesem imaginären Szenario auszugleichen.
Ausgehend von wissenschaftlichen Publikationen über synthetische Biologie, Gentechnik und Robotik haben wir uns überlegt, wie Arten weiterentwickelt werden könnten, um ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Daraufhin haben wir Textanweisungen formuliert, um KI-generierte Bilder zu erstellen. Jede spekulative Art in der Simulation hat so eine Hintergrundgeschichte, die in realen Szenarien verwurzelt ist: Bienen, die aufgrund von Pestiziden den Orientierungssinn verlieren; Schnecken, die von invasiven Arten verdrängt werden; Reis, der zunehmender Trockenheit und Temperatur ausgesetzt ist. Wir stellen uns eine Zukunft vor, in der Technologien wie 3D-Druck, CRISPR und synthetische Biologie eine Rolle dabei spielen, Arten so zu verändern, dass sie bessere Überlebenschancen haben – gentechnisch veränderte Superbienen mit 3D-gedruckten Teilen, die ihre verlorenen Navigationsfähigkeiten wiederherstellen; hawaiianische Landschnecken mit Schlangen-DNA, um die eingeschleppte Schneckeninvasion zu bekämpfen; gentechnisch veränderter trockenheitstoleranter und proteinreicher Reis.
Aufgrund des Klimawandels und des Artensterbens suchen Menschen vermehrt nach kreativen technologischen Lösungen. In Wir Klimawandler weist die Autorin Elizabeth Kolbert auf die «Kontrolle» als grundlegende falsche Logik des Anthropozäns hin: «Wenn Kontrolle das Problem ist, dann muss noch mehr Kontrolle die Lösung sein.» Während wir uns in einer zunehmend heiklen politischen Atmosphäre bewegen, dominieren technologische Lösungskonzepte die Gespräche über den Klimawandel.
Künstliche Intelligenz ist mit ihren Versprechungen einer kreativen Problemlösung, verpackt in einer «Black-Box-Technologie», zum Star der techno-solutionistischen Denkweise geworden. Die Technologie bringt ihre eigenen, vom Menschen bevorzugten Vorteile mit sich – was optimieren wir, und für wen optimieren wir? Wenn wir versuchen, ein nicht berechenbares System zu berechnen, wessen Bedürfnisse berücksichtigen und bevorzugen wir? Speculative Evolution betrachtet einige der Technologien, die wir heute einsetzen, und stellt sich eine Zukunft vor, in der die künstliche Intelligenz diese Technologien auf die Spitze treibt. Maschinelles Lernen und Biotechnologien werden derzeit eingesetzt, um Arten zu identifizieren, zu überwachen und zu kartieren sowie neue genetische Eigenschaften zu schaffen. Es ist nicht schwer, sich eine nicht allzu ferne Zukunft vorzustellen, in der KI den Balanceakt für uns übernimmt und «optimiert» für menschliche Ziele. Wir glauben, dass dies weder eine Utopie noch eine Dystopie ist, sondern vielmehr eine Richtung, in die wir uns bewegen.
Erfahrung und Wirkung für das Publikum
Das Publikum interagiert mit der Installation via Smartphone und navigiert durch eine spekulative 3D-Umgebung. Im Ausstellungsraum dient die Mobile-App als Interface für eine immersive Installation: Der Ton wird an ein Soundsystem übertragen, während das Display des Smartphones grossflächig eine oder mehrere Wände projiziert wird.
In diesem Experiment erschafft das Publikum mittels KI-Integration nicht mehr nur Variationen einzelner Arten, sondern konstruiert komplexe Chimären. Durch die freie Kombination von Pflanzen, Pilzen, Tieren und Robotern entstehen hybride Lebensformen, die in einer endlosen Rekursion immer wieder neu vermischt werden können. Aus der Perspektive einer KI-Agentin fliegt das Publikum mit den eigenen Schöpfungen sowie den Werken aller anderen Teilnehmenden durch die virtuelle Welt.
Dabei lässt sich beobachten, wie diese neuen Kreaturen das Ökosystem besiedeln und welche Rolle ihnen die künstliche Intelligenz zugewiesen hat. Die Nutzenden können die wissenschaftlichen Funktionsbeschreibungen lesen, die jedem Wesen eine spezifische ökologische Aufgabe – wie die Filterung von Giftstoffen oder die autonome Bestäubung – zuschreiben. Über den erweiterten Stammbaum lässt sich die transbiologische Abstammung jeder Chimäre bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgen.
Die virtuelle 3D-Umgebung ist endlos und kann in alle Richtungen navigiert werden. Die Klangerlebnisse sind für diese Simulation komponiert und reagieren auf alle Bewegungen und Navigationsmodi. Wir hoffen, das Publikum dazu einzuladen, unsere Tendenz zu untersuchen, die Natur als ein System betrachtet, das beliebig berechnet, optimiert und schliesslich komplett neu konstruiert werden kann.
Recherche
Speculative Evolution ist eine Weiterentwicklung der Projekte CAON und YANTO und unter anderem während eines Aufenthalts im transmediale studio in Berlin und während eines Forschungsaufenthalts in Pakistan entwickelt. Die Recherche beinhaltete den Besuch von Institutionen, die Laborversuche zur genetischen Veränderung von Tieren durchführen, wie das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin und LAMS, Department of Life Sciences in Lahore.
Screenshots
Speculative Evolution Mobile App herunterladen (kostenlos)

Award
🏆 Speculative Evolution gewann den Expanded Media Preis für Network Culture am internationalen Wettbewerb des Stuttgarter Filmwinters (2024),
Manual
How to use
Spekulative Arten
Technical rider für Ausstellungen













