SEQUERCIANI 2076+

Medienkunst Simulation autonomer Ökosysteme

Die Langzeitsimulation SEQUERCIANI 2076+ entwirft das Szenario einer Welt, in der die Verantwortung für ökologische Stabilität vollständig an autonome Systeme übertragen wurde. Als Schauplatz und spekulatives Labor dient das reale toskanische Anwesen Sequerciani, bekannt für biodynamische und regenerative Landwirtschaft – hier jedoch projiziert in das Jahr 2076. In dieser Zukunft wird Natur nicht mehr als autonomes Gegenüber begriffen, sondern als ein technologisches System, das beobachtet, bewertet, optimiert und permanent repariert werden kann.

Das Ökosystem wird von fünf konkurrierenden AGI-Schwärmen verwaltet, deren Logiken unsere eigenen, oft widersprüchlichen Weltbilder spiegeln: Der Optimiser misst und stabilisiert. Der Symbiont spürt relationalen Verbindungen nach. Der Speculator erfindet das Neue. Der Archivist bewahrt und trauert, während der Ethicist fragt, wessen Interessen unberücksichtigt bleiben. Keiner von ihnen hat recht, keiner unrecht – sie sind die architektonischen Modi einer neuen, algorithmischen Governance.

In wiederkehrenden Zyklen reagieren die Agenten auf ökologische Spannungen, wählen Elternspezies aus und verhandeln die Entstehung hybrider Lebensformen, in denen die Grenzen zwischen Flora, Fauna, Fungi und Robotik durchlässig werden. Ein Regenwurm wird mit einem Weinstock gekreuzt, eine Drohne verschmilzt mit einem Myzel-Netzwerk. Die Existenz dieser Wesen wird durch radikal fotorealistische Visualisierungen verkörpert. Diese Bilder zeigen die Welt von morgen nicht als ferne Dystopie, sondern als präzise Verschiebung: als scheinbar folgerichtige, materielle Konsequenz einer technisierten Biosphäre.

Je stärker die Widersprüche des Systems anwachsen, desto mehr entsteht „Glitch“ – eine Unschärfe des Nicht-Klassifizierbaren, in der das System das von ihm Erschaffene selbst nicht mehr versteht. Sichtbar wird eine Definition von Leben, die sich zunehmend von ihren biologischen Ursprüngen entkoppelt und gerade durch ihre fotorealistische Präsenz eine beunruhigende Evidenz gewinnt.

SEQUERCIANI 2076+ stellt die Frage nach der Souveränität des Lebendigen: Was bleibt von der Natur übrig, wenn wir sie nach unseren oft widersprüchlichen Vorstellungen von Effizienz, Ethik und Kontrolle neu konstruieren? Das Projekt untersucht die gegenwärtige Tendenz, komplexe Ökosysteme zu vereinfachen und ökologische Krisen rein technisch lösen zu wollen, und zeigt eine Zukunft, die zwar funktioniert, uns aber in ihrer algorithmischen Fremdheit radikal gegenübertritt.

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